Herzlich willkommen bei der Dieburger Tafel e.V.

Eine Stunde mit Hans-Jürgen Jütten bei der Dieburger Tafel

Feb 28, 2017

tafel-hj-juetten-kisteDIEBURG – 10.46 Uhr: Die Mitarbeiterin am Scanner kommt kaum nach. Ein Kunde nach dem anderen möchte eine Wartenummer, um im benachbarten Lebensmittelmarkt der „Dieburger Tafel“ einzukaufen. Wenn auf dem Computerbildschirm ein grünes Licht erscheint, darf eine Wartenummer ausgegeben werden. „Ok, die Einkauferei kann losgehen.“ So steht es auf dem Bildschirm.

11.03 Uhr: Parallel werden im Sortierlager die neu angelieferten Kisten voller Karotten, Paprika, Tomaten und vielem mehr geprüft. „Die Waren kommen aus verschiedenen Supermärkten in Dieburg und dem Umland. Zweimal am Tag holen wir sie ab und prüfen, ob sie noch zum Verzehr geeignet sind“, erklärt Hans-Jürgen Jütten, ehrenamtlicher Mitarbeiter und Vorstandsvorsitzender der Dieburger Tafel. Er kümmert sich nicht nur um die Organisation, sondern auch um die 85 Mitarbeiter, die sich fast alle ehrenamtlich einbringen.

11.13 Uhr: Plötzlich taucht eine Mitarbeiterin neben Jütten auf. Sie braucht im Büro am Scanner seine Hilfe, weil drei Frauen aus dem Frauenhaus einkaufen möchten, die allerdings keinen eigenen Einkaufsausweis dabei haben. Nach kurzem Überlegen händigt der 66-Jährige den Damen jeweils eine Wartekarte aus.

11.19 Uhr: Etwa 20 Menschen unterschiedlicher Kulturen befinden sich im Wartesaal. Bei vielen sitzen ihre kleinen Kinder auf dem Schoß. Gemeinsam müssen sie eine Menge Geduld aufbringen, denn es dauert einige Zeit, bis sie in den nächsten Warteraum gerufen werden – ein Schritt näher am Lebensmittelladen.

EINKAUFSAUSWEIS
Auf dem Einkaufsausweis der Dieburger Tafel ist neben dem Namen des Kunden und einem Foto notiert, für wie viele Personen eingekauft werden darf. Zum Beispiel heißt „2E3K“, es darf für zwei Erwachsene (E) und drei Kinder (K) eingekauft werden. Der Ausweis ist für ein Jahr gültig und wird ausgestellt, wenn ein Single-Haushalt bis zu 1000 Euro netto im Monat zur Verfügung hat, oder auch bei Bezug von Arbeitslosengeld II. Vor jedem Einkauf wird der Ausweis gescannt, um die Gültigkeit zu überprüfen. Erwachsene ohne Kinder können dreimal pro Woche einkaufen, Erwachsene mit Kindern viermal. Fast alle 85 Mitarbeiter sind ehrenamtlich beschäftigt. Es gibt drei angestellte Kräfte in Vollzeit. Drei Ehrenamtler leisten gegenwärtig ihren Bundesfreiwilligendienst bei der Dieburger Tafel. (lano)

11.21 Uhr: Eine gestresste Mitarbeiterin der Obst- und Gemüsetheke sucht Jütten im Büro auf. Sie bittet ihn um ein Machtwort, denn einige Kunden wollen unbedingt mehr Obst und Gemüse – und zwar jetzt. Schließlich seien sie extra aus Otzberg angereist, deswegen sollten sie auch mehr Lebensmittel erhalten dürfen. Jütten hört solche Begründungen nicht zum ersten Mal. Er sagt den Nörglern in ruhigem Ton, dass jedem das gleiche zusteht, und dass hier keine Unterschiede gemacht werden.

11.28 Uhr: Zurück im Büro: Zwei Männer möchten ihre Ausweise verlängern und verstehen nicht, dass sie dies erst am Nachmittag zu den Büro-Öffnungszeiten können. „Aufgrund der verschiedenen Sprachen ist die Kommunikation oft nicht einfach. Dadurch treten leider häufig Probleme auf“, sagt der Vorsitzende der Dieburger Tafel. Viele sprächen weder verständliches Deutsch noch Englisch oder Französisch.

11.30 Uhr: Im Lebensmittelladen einige Räume weiter herrscht Hektik und Gedränge an der Laufstraße, wo jeder aufgerufene Kunde zu Beginn einen Korb bekommt. Dann muss man seinen Ausweis an den Korb heften, damit die Mitarbeiter sehen können, für wie viele Personen sie Essen aushändigen. „Jeder Korb kostet zwei Euro. Das ist auch ein symbolischer Preis“, sagt Jütten. „Dadurch vermitteln wir, dass es keine Lebensmittel umsonst gibt.“

11.33 Uhr: „Bitte nur ein Molkereiprodukt nehmen“, sagt Inge Franke einer neuen Kundin. Sie hilft seit achteinhalb Jahren ein bis zwei Mal die Woche aus. Denn Molkereiprodukte sind mittlerweile knapp.

11.52 Uhr: Mitarbeiterin Inge Franke bemerkt, dass eine Kundin bereits durch die Laufstraße gegangen ist. Sie darf heute nicht noch einmal einkaufen. Die aufgebrachte Kundin will das nicht gelten lassen, denn auf ihrem Ausweis steht 2E0K. Im Klartext: Sie darf theoretisch für zwei Erwachsene einkaufen – jedoch nur einmal am Tag durch die Laufstraße gehen. Hans-Jürgen Jütten bittet die Kundin, morgen wieder zu kommen. So schnell lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen.

Darmstädter Echo 16.02.2017 (Loana Schnitzspahn, Guido Schiek)